Kapitalmarkt-Analyse: Nvidia liefert
KI-generiert

#35 Kapitalmarkt-Analyse: Nvidia liefert Rekordzahlen

Nvidia liefert Rekordzahlen, trotzdem wird die Börse nervös

Auf den ersten Blick hätte diese Woche eigentlich eine sehr gute Börsenwoche werden können.

Nvidia wächst weiterhin außergewöhnlich stark. Die Investitionen in künstliche Intelligenz bleiben hoch und auch andere große Technologieunternehmen verdienen gut. Gleichzeitig ist der Ölpreis zurückgegangen und damit zumindest ein Teil des Inflationsdrucks etwas kleiner geworden.

Trotzdem wurden die Märkte nervöser.

Der Grund liegt aus meiner Sicht in einem Zusammenhang, der für die kommenden Monate immer wichtiger werden dürfte: Starke Unternehmensgewinne und steigende Aktienkurse gehören nicht automatisch zusammen.

Ein Unternehmen kann hervorragend wachsen. Wenn gleichzeitig die Zinsen steigen, verändert sich jedoch die Bewertung zukünftiger Gewinne und damit die Rechnung für den gesamten Aktienmarkt.

Gerade bei hoch bewerteten Unternehmen wird deshalb zunehmend entscheidend, wie viel Wachstum bereits im Aktienkurs enthalten ist.

Der KI-Boom läuft weiter

Die Zahlen von Nvidia haben zunächst eine wichtige Sorge des Marktes abgeschwächt: Die Investitionswelle rund um künstliche Intelligenz scheint derzeit nicht unmittelbar vor ihrem Ende zu stehen.

Nvidia erwartet für das kommende Geschäftsjahr weiterhin ein enormes Umsatzwachstum. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Rechenzentren und KI-Infrastruktur hoch.

Das bestätigt zunächst, dass der KI-Boom wirtschaftlich weiterhin Substanz hat.

Für Anleger reicht diese Information allein allerdings nicht aus. Denn bei einer Aktie entscheidet neben der Entwicklung des Unternehmens auch, welche Erwartungen bereits im Kurs stecken.

Je höher diese Erwartungen werden, desto schwieriger wird es für ein Unternehmen, den Markt weiterhin positiv zu überraschen.

Ein starkes Ergebnis kann dann bereits eingepreist sein. Kleine Abweichungen bei Wachstum, Margen oder Ausblick bekommen entsprechend mehr Gewicht.

Genau deshalb können hervorragende Geschäftszahlen und eine empfindlich reagierende Aktie gleichzeitig auftreten.

Die Zinsen verändern die Bewertung

Während Nvidia weiterhin starke Wachstumszahlen liefert, sendet der Anleihemarkt ein anderes Signal.

Die Inflation in den USA liegt weiterhin deutlich über dem Ziel der Federal Reserve. Gleichzeitig sind die Erwartungen an den Märkten zuletzt wieder stärker in Richtung höherer beziehungsweise länger hoher Zinsen gerückt.

Dieser Zusammenhang ist besonders für Wachstumsunternehmen relevant.

Ein großer Teil ihres heutigen Börsenwertes basiert auf Gewinnen, die erst in den kommenden Jahren erwartet werden. Diese zukünftigen Zahlungsströme werden auf ihren heutigen Wert zurückgerechnet.

Steigt der dafür verwendete Zinssatz, sinkt der heutige Wert zukünftiger Gewinne.

Das bedeutet nicht, dass jedes Technologieunternehmen bei steigenden Zinsen automatisch fallen muss. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Bewertung, erwartetem Wachstum und Zinsniveau.

Je höher eine Aktie bereits bewertet ist, desto stärker muss das zukünftige Wachstum diese Bewertung tragen.

Anleihen werden wieder zur Alternative

Über viele Jahre war die Situation für Anleger vergleichsweise eindeutig. Staatsanleihen boten kaum Rendite und Aktien waren für viele langfristig orientierte Anleger eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt attraktive Renditen zu erzielen.

Heute sieht die Ausgangslage anders aus.

Wenn US-Staatsanleihen wieder Renditen von mehr als vier Prozent bieten, verändert sich der Vergleich zwischen verschiedenen Anlageklassen.

Wer Kapital investiert, kann wieder stärker zwischen einer vergleichsweise planbaren laufenden Verzinsung und den höheren Chancen, aber auch den höheren Schwankungen des Aktienmarktes abwägen.

Dadurch steigt die Messlatte für Aktien. Unternehmen müssen ihre Bewertungen stärker über zukünftige Gewinne rechtfertigen. Gleichzeitig werden Risiko-Rendite-Verhältnisse wieder wichtiger.

Auch bei den Kapitalströmen lässt sich diese Entwicklung beobachten. In der Woche bis zum 26. August wurden laut Reuters netto rund 22,3 Milliarden US-Dollar aus amerikanischen Aktienfonds abgezogen, während gleichzeitig erneut Kapital in Anleihefonds floss.

Das ist für sich genommen kein Signal für einen bevorstehenden Börsencrash.

Es zeigt jedoch, dass Anleger Risiko und laufende Rendite wieder stärker gegeneinander abwägen.

KI-Trend und KI-Aktie sind zwei Ebenen

Gerade bei künstlicher Intelligenz lohnt es sich, zwei Ebenen auseinanderzuhalten.

KI kann in den kommenden Jahren enorme wirtschaftliche Veränderungen auslösen und gleichzeitig können einzelne Unternehmen bereits sehr anspruchsvoll bewertet sein.

Für die langfristige Rendite einer Aktie entscheidet nicht allein, ob die zugrunde liegende Technologie erfolgreich ist. Entscheidend ist ebenfalls, welchen Preis Anleger heute für die zukünftige Entwicklung bezahlen.

Ein hervorragendes Unternehmen ist deshalb nicht automatisch zu jedem Kurs ein hervorragendes Investment.

Wenn der Markt bereits sehr starkes Wachstum erwartet, muss das Unternehmen diese Erwartungen über Jahre erfüllen oder sogar übertreffen.

Das macht hoch bewertete Aktien besonders sensibel gegenüber Veränderungen bei Wachstum, Margen und Zinsen.

Wenn wenige Aktien den Index tragen

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der bei der Betrachtung großer Indizes schnell übersehen wird.

Der S&P 500 enthält rund 500 Unternehmen und wirkt damit auf den ersten Blick sehr breit aufgestellt. Diese Unternehmen besitzen allerdings nicht alle dasselbe Gewicht.

Sehr große Konzerne wie Nvidia haben aufgrund ihrer Marktkapitalisierung einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Indexentwicklung als kleinere Unternehmen.

Wenn einige wenige Mega-Caps stark steigen, können sie dadurch einen gesamten Index nach oben ziehen, obwohl sich viele andere Aktien deutlich schwächer entwickeln.

Für Anleger ist deshalb neben dem Indexstand auch die Marktbreite interessant: Wie viele Unternehmen tragen eine Aufwärtsbewegung tatsächlich mit?

Je stärker die Entwicklung von wenigen großen Aktien abhängt, desto größer wird auch der Einfluss negativer Nachrichten aus genau diesen Unternehmen.

Und genau hier entsteht auch die Verbindung zum eigenen Depot.

Wer beispielsweise mehrere Technologieaktien hält und zusätzlich über ETFs stark in dieselben Mega-Caps investiert ist, kann wirtschaftlich wesentlich stärker von diesen Unternehmen abhängen, als die Anzahl der Positionen zunächst vermuten lässt.

Viele Positionen bedeuten deshalb noch keine echte Risikostreuung.

Öl entlastet nur teilweise

Eine gewisse Entlastung kam in dieser Woche vom Ölmarkt.

Sinkende Energiepreise können den Inflationsdruck reduzieren. Werden Öl, Transport und Energie günstiger, können auch Kosten für Unternehmen und Verbraucher zurückgehen.

Für die Notenbanken wäre das grundsätzlich hilfreich.

Die Wirkung bleibt allerdings begrenzt, weil Inflation wesentlich mehr umfasst als Energiepreise.

Dienstleistungen, Löhne, Mieten und andere Preisbereiche können weiterhin deutlich steigen, auch wenn Öl günstiger wird.

Ein fallender Ölpreis kann den Inflationsdruck deshalb abschwächen, löst das zugrunde liegende Problem aber nicht automatisch.

Für die Geldpolitik bleibt entscheidend, ob sich der Preisdruck insgesamt nachhaltig zurückbildet.

Das Zinsrisiko betrifft auch Europa

Auch Europa hat in dieser Woche gezeigt, wie schnell Sorgen um Finanzierung und Staatsverschuldung auf Aktienmärkte übergreifen können.

Französische Aktien und insbesondere Banken gerieten unter Druck, nachdem die Sorgen über Staatsfinanzen und politische Unsicherheit zunahmen. Der STOXX 600 verzeichnete dabei seinen schwächsten Handelstag seit rund einem Monat.

Gerade Banken reagieren häufig sensibel auf solche Entwicklungen, weil ihr Geschäftsmodell eng mit Zinsen, Anleihemärkten, Finanzierungskosten und Wirtschaftswachstum verbunden ist.

Steigende Renditeanforderungen an Staatsanleihen können dadurch relativ schnell Auswirkungen auf Finanzwerte und andere Wirtschaftsbereiche bekommen.

Der aktuelle Zinsdruck ist deshalb wesentlich größer als eine Diskussion über amerikanische Technologieaktien.

Er betrifft Aktien, Anleihen, Staaten, Banken, Immobilien und Unternehmen gleichzeitig.

Drei Faktoren werden entscheidend

Für die kommenden Monate würde ich vor allem drei Entwicklungen beobachten.

Die erste ist die Inflation. Wenn sich der Preisdruck nachhaltig abschwächt, könnte auch der Druck auf die Zinsen zurückgehen.

Die zweite sind die Anleiherenditen. Bleiben sie hoch oder steigen weiter, erhöht sich insbesondere bei hoch bewerteten Unternehmen der Druck auf die Bewertung.

Und die dritte ist die Marktbreite. Je mehr Unternehmen eine positive Marktbewegung tragen, desto stabiler ist normalerweise deren Grundlage. Hängt ein großer Teil der Indexentwicklung dagegen von wenigen Mega-Caps ab, steigt die Abhängigkeit von diesen einzelnen Unternehmen.

Gerade diese Faktoren sollte man allerdings nicht isoliert betrachten.

Inflation beeinflusst die Zinspolitik. Zinsen beeinflussen Bewertungen. Bewertungen verändern Kapitalströme. Und wenn viel Kapital auf wenige Unternehmen konzentriert ist, können diese Veränderungen wiederum einen starken Einfluss auf ganze Indizes bekommen.

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