Zinsen vor dem nächsten Sprung
Warum gute Aktien plötzlich ein Bewertungsproblem bekommen
Die spannendste Entwicklung dieser Woche war für mich nicht, dass Öl über 100 Dollar gestiegen ist, die EZB ihre Zinsen erhöht hat oder die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fast 5 Prozent erreicht hat. Entscheidend ist, dass diese Entwicklungen miteinander verbunden sind.
Genau daraus entsteht derzeit ein Umfeld, das für Aktien anspruchsvoller wird.
Du kannst ein Unternehmen haben, das wächst, seine Erwartungen übertrifft und von einem langfristigen Trend wie künstlicher Intelligenz profitiert. Trotzdem kann die Aktie unter Druck geraten, wenn Anleger gleichzeitig für eine deutlich sicherere Anlage fast 5 Prozent Rendite bekommen.
Die Börse bewertet deshalb gerade neu, wie viel Wachstum bei diesem Zinsniveau eigentlich noch wert ist.
Öl setzt eine ganze Kette in Bewegung
Wenn Brent über 100 Dollar steigt, betrifft das zunächst Unternehmen und Verbraucher, die Energie direkt benötigen. Der Effekt bleibt aber nicht dort.
Höhere Ölpreise können Transport, Produktion und andere Kosten verteuern. Werden diese Kosten weitergegeben, können auch andere Preise steigen. Genau deshalb wird aus einem geopolitischen Problem irgendwann ein Inflationsproblem.
Und daraus kann wiederum ein Zinsproblem werden.
Die EZB hat diese Verbindung selbst hergestellt. Sie erhöhte am 10. September ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte und erwartet inzwischen eine durchschnittliche Inflation von 3,0 Prozent für 2026, 2,5 Prozent für 2027 und 2,1 Prozent für 2028. Besonders interessant finde ich, dass die Prognosen für 2027 und 2028 gegenüber Juni sogar angehoben wurden. Die Sorge richtet sich also nicht ausschließlich auf einen kurzfristigen Ölpreisschock.
In den USA kommt ein ähnlicher Druck hinzu. Die Erzeugerpreise stiegen im August um 0,4 Prozent gegenüber Juli und um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig liegt die Verbraucherpreisinflation weiterhin oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels der Fed. Der Markt preist deshalb inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung bei der kommenden Fed-Sitzung ein.
Für Anleger entsteht daraus eine einfache, aber wichtige Kette:
Öl steigt → Inflationsdruck nimmt zu → Zinsen könnten länger hoch bleiben oder weiter steigen → Finanzierung wird teurer → Aktienbewertungen geraten stärker unter Druck.
Genau diese Verbindung würde ich derzeit im Blick behalten.
Warum 5 Prozent bei US-Anleihen so wichtig sind
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen näherte sich diese Woche 5 Prozent. Reuters meldete am Freitag zeitweise 4,99 Prozent – den höchsten Stand seit fast drei Jahren.
Diese Zahl verändert den Vergleich, den Anleger jeden Tag treffen.
Wenn eine relativ sichere Staatsanleihe fast 5 Prozent bietet, muss eine Aktie für das zusätzliche Risiko attraktiver sein. Anleger übernehmen bei einer Aktie schließlich Kursrisiken, Unternehmensrisiken und je nach Unternehmen weitere Unsicherheiten.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Aktien bei einer Rendite von 5 Prozent fallen müssen. Unternehmen können mit steigenden Gewinnen einen Teil dieses Effekts ausgleichen. Genau darauf weist auch die aktuelle Marktanalyse von Reuters hin.
Aber die Anforderungen werden höher.
Und dieser Unterschied ist sehr wesentlich.
Warum Tech besonders empfindlich reagieren kann
Bei vielen Wachstumsunternehmen bezahlen Anleger heute einen hohen Preis, weil sie in Zukunft deutlich höhere Gewinne erwarten.
Je höher die Zinsen sind, desto weniger sind weit entfernte zukünftige Gewinne aus heutiger Sicht wert. Vereinfacht gesagt: Wenn Du heute bereits fast 5 Prozent mit Staatsanleihen bekommen kannst, muss ein möglicher Gewinn, den ein Unternehmen erst in vielen Jahren erwirtschaftet, entsprechend attraktiver sein.
Genau deshalb können hohe Bewertungen bei steigenden Zinsen schneller hinterfragt werden.
Dazu kommt aktuell noch etwas anderes.
Der KI-Boom benötigt enorme Investitionen. Rechenzentren müssen gebaut, Chips gekauft und Energie bereitgestellt werden. Wenn gleichzeitig die Finanzierungskosten steigen, wird stärker darauf geschaut, wann aus diesen Milliardeninvestitionen tatsächlich Gewinne und freier Cashflow entstehen.
Oracle zeigt, worauf der Markt jetzt schaut
Oracle ist deshalb ein interessantes Beispiel für diese Woche.
Die starken Zahlen zeigen, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur weiterhin vorhanden ist. Das ist für die langfristige KI-Geschichte relevant.
Für mich ist aber mindestens genauso interessant, worauf Anleger inzwischen zusätzlich achten: Auftragsbestand, Cashflow und die Finanzierung dieser Investitionen.
Das ist eine andere Phase als eine Börsenphase, in der Wachstum praktisch um jeden Preis honoriert wird.
Wenn Kapital teurer wird, muss Wachstum zunehmend zeigen, was wirtschaftlich dahintersteht.
Das kann innerhalb des Technologiesektors zu größeren Unterschieden führen. Unternehmen mit hohen Investitionen, viel Fremdkapital oder weit in der Zukunft liegenden Gewinnen können anders auf dieses Umfeld reagieren als Unternehmen, die bereits hohe Cashflows erwirtschaften.
Apple zeigt einen zweiten wichtigen Zusammenhang
Auch die Reaktion auf Apples neue Produkte passt dazu.
Ein neues Produkt kann technologisch interessant sein und trotzdem keine große positive Kursbewegung auslösen. Anleger bewerten zusätzlich, welche Erwartungen bereits im Aktienkurs stecken, wie groß das zusätzliche Umsatzpotenzial sein könnte und welche Margen damit erzielt werden.
Gerade bei sehr großen und hoch bewerteten Unternehmen ist diese Unterscheidung wichtig.
Eine gute Nachricht und eine gute Aktie sind nicht automatisch dasselbe wie eine attraktive Bewertung.
Warum der Markt am Freitag trotzdem steigen konnte
Genau hier wird die Woche besonders interessant.
Trotz höherer Inflation und gestiegener Zinserwartungen erholten sich die US-Aktienmärkte am Freitag. Gleichzeitig gab der Ölpreis nach, nachdem er zuvor stark gestiegen war. Reuters meldete für Brent am Freitag zwar weiterhin mehr als 105 Dollar, aber einen Rückgang gegenüber den vorherigen Höchstständen.
Das widerspricht der vorherigen Analyse nicht.
Es zeigt vielmehr, warum einzelne Nachrichten selten ausreichen, um die nächste Marktbewegung vorherzusagen.
An einem Handelstag können sinkende Ölpreise, starke Unternehmenszahlen, vorherige Kursverluste und veränderte Erwartungen gleichzeitig wirken. Deshalb würde ich aus einem positiven Freitag noch keine Aussage darüber ableiten, dass das Zinsproblem für Aktien verschwunden ist.
Was jetzt wirklich wichtig wird
Für die kommenden Tage würde ich weniger darauf schauen, ob der S&P 500 an einem einzelnen Tag ein Prozent steigt oder fällt. Interessanter ist, ob sich die drei Entwicklungen dieser Woche gegenseitig weiter verstärken.
Bleibt Öl dauerhaft über 100 Dollar, kann der Inflationsdruck bestehen bleiben. Bleiben gleichzeitig die Renditen von US-Staatsanleihen in Richtung 5 Prozent oder darüber, verändert sich die Bewertungsgrundlage für Aktien weiter. Und sollte die Fed daraus einen längerfristig härteren Zinskurs ableiten, würde aus einer einzelnen Zinserhöhung ein größeres Thema für die Märkte.
Genau deshalb wird die Fed-Sitzung in der kommenden Woche wichtig. Der Markt preist inzwischen eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung ein. Entscheidend dürfte deshalb nicht nur die eigentliche Entscheidung sein, sondern auch, welche Erwartungen danach für die kommenden Monate entstehen.
Was ist jetzt mit unserem Depot?
Ich würde aus dieser Woche keine pauschale Aussage ableiten, dass Technologieaktien, KI-Aktien oder andere Wachstumswerte jetzt grundsätzlich problematisch sind.
Interessanter ist die Depot-Ebene.
Wenn Du mehrere Unternehmen besitzt, deren Bewertungen stark von zukünftigen Gewinnen abhängen, können diese Positionen auf steigende Zinsen ähnlich reagieren. Du kannst also Aktien verschiedener Unternehmen besitzen und trotzdem ein gemeinsames Zinsrisiko im Depot haben.
Ähnliches gilt für Energiepreise. Manche Unternehmen profitieren von höheren Ölpreisen, während andere durch höhere Produktions-, Transport- oder Finanzierungskosten belastet werden.
Genau deshalb lohnt es sich in solchen Marktphasen, die einzelnen Nachrichten miteinander zu verbinden und anschließend zu prüfen, welche Risiken im eigenen Depot tatsächlich zusammengehören.
Eine gründliche Analyse kann Dir nicht sagen, was Öl, Zinsen oder Aktienkurse nächste Woche machen werden. Sie kann Dir aber helfen zu verstehen, wo Dein Depot empfindlich reagieren könnte, wenn sich eines dieser Szenarien weiterentwickelt.
Für mich ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Woche: Gute Unternehmenszahlen bleiben wichtig. In einem Umfeld mit Öl über 100 Dollar und Anleiherenditen nahe 5 Prozent wird aber wieder stärker darüber entschieden, welchen Preis Anleger für dieses Wachstum bezahlen wollen.



