Kapitalmarkt-Analyse - Öl vs. Zinsen
Bild: KI-generiert

#38 Kapitalmarkt-Analyse – Öl vs. Zinsen

Öl auf einer Seite, Zinsen auf der anderen

Warum KI-Aktien jetzt doppelt unter Druck stehen

Kurz zusammengefasst: Die Fed erhöhte die Zinsen, Öl blieb über 100 Dollar, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen überschritt zeitweise 5 Prozent und KI-Aktien gerieten zu Wochenbeginn deutlich unter Druck.

Für mich wird diese Woche aber erst interessant, wenn wir diese Entwicklungen miteinander verbinden.

Denn hinter den einzelnen Nachrichten steckt eine Kette, die für die nächsten Wochen entscheidend werden könnte:

Hohe Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck. Hartnäckige Inflation zwingt die Zentralbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik. Höhere Zinsen erhöhen wiederum die Renditen am Anleihemarkt und verändern damit die Bewertung von Aktien.

Besonders empfindlich können genau die Unternehmen reagieren, bei denen Anleger heute bereits hohe Gewinne der Zukunft einpreisen.

Und damit landen wir wieder bei vielen KI- und Technologie-Aktien.

Was ist mit dem Ölpreis passiert?

Ein Ölpreis oberhalb von 100 Dollar ist für die Börse weit mehr als eine Nachricht aus dem Energiesektor.

Energie wird für Transport, Produktion, Landwirtschaft und zahlreiche industrielle Prozesse benötigt. Bleiben die Preise über längere Zeit hoch, steigen deshalb die Kosten an vielen Stellen gleichzeitig.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Inflation im gleichen Umfang steigt. Unternehmen können höhere Kosten selbst tragen, ihre Margen reduzieren oder sie teilweise an Kunden weitergeben.

Genau diese Unsicherheit ist für die Zentralbanken entscheidend.

Sie müssen einschätzen, ob der Energiepreisschock vorübergehend bleibt oder sich nach und nach auf weitere Preise überträgt.

Und damit wird aus einem Ölpreisproblem ziemlich schnell ein Zinsproblem.

Die Entscheidung der Fed am Mittwoch

Die Fed erhöhte ihren Leitzins in dieser Woche erstmals seit 2023 um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent.

Noch interessanter als dieser einzelne Zinsschritt finde ich die Botschaft dahinter.

Die amerikanische Wirtschaft ist weiterhin relativ robust und gleichzeitig liegt die Inflation oberhalb des langfristigen Ziels der Fed. Hohe Energiepreise kommen als zusätzliches Risiko hinzu.

Damit verschiebt sich die Ausgangslage für Anleger.

Über längere Zeit konnten sinkende Inflationsraten die Hoffnung nähren, dass die Zinsen wieder deutlich zurückgehen. Jetzt muss der Markt wieder stärker mit einem Szenario rechnen, in dem das Zinsniveau länger hoch bleibt oder sogar weiter steigt.

Das verändert sehr viel mehr als nur die Finanzierungskosten von Unternehmen.

Die 5-Prozent-Marke

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen überschritt zeitweise die Marke von 5 Prozent.

Warum ist diese Zahl für einen Aktienanleger überhaupt interessant?

Staatsanleihen bilden einen wichtigen Vergleichsmaßstab für andere Anlagen. Wenn Anleger mit US-Staatsanleihen wieder eine hohe Rendite erzielen können, verändert sich automatisch der Vergleich mit Aktien.

Gleichzeitig werden zukünftige Unternehmensgewinne bei höheren Zinsen heute mathematisch weniger wert.

Genau hier entsteht ein wichtiger Unterschied zwischen Unternehmen.

Ein Unternehmen, das heute bereits hohe und stabile Cashflows erwirtschaftet, hat eine andere Ausgangslage als ein Unternehmen, dessen Bewertung vor allem darauf basiert, dass seine Gewinne in fünf oder zehn Jahren erheblich höher sein sollen.

Je weiter diese erwarteten Gewinne in der Zukunft liegen, desto stärker kann ihre heutige Bewertung auf steigende Zinsen reagieren.

Und jetzt wieder KI-Aktien

Viele KI- und Halbleiter-Unternehmen wurden in den vergangenen Jahren nicht nur wegen ihrer heutigen Gewinne höher bewertet. Anleger haben gleichzeitig enorme Erwartungen an das zukünftige Wachstum von Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur eingepreist.

Zu Wochenbeginn gerieten genau diese Erwartungen unter Druck. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor am Montag 5,9 Prozent, nachdem führende Vertreter der KI-Branche eine Verlangsamung besonders leistungsfähiger KI-Entwicklung gefordert hatten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass der langfristige KI-Trend plötzlich verschwunden ist.

Es zeigt aber, wie empfindlich hohe Bewertungen werden können, wenn sich die Annahmen dahinter verändern.

Wenn der Markt bisher mit sehr hohen zukünftigen Wachstumsraten gerechnet hat und dieses Wachstum später kommt oder langsamer ausfällt, muss die Bewertung neu gerechnet werden.

Steigen gleichzeitig die Zinsen, wirken zwei Faktoren zusammen: Die erwarteten Gewinne können niedriger oder später eintreten und diese zukünftigen Gewinne werden zusätzlich mit einem höheren Zinssatz abgezinst.

Genau deshalb finde ich die aktuelle Kombination für Technologie-Aktien besonders interessant.

Ein neues Marktumfeld

Über viele Jahre waren niedrige Zinsen ein wichtiger Rückenwind für Aktien.

Jetzt sehen wir eine andere Entwicklung.

Die Fed erhöht die Zinsen. Die Bank of Japan hat ihren Zinssatz auf den höchsten Stand seit 31 Jahren angehoben. Auch andere große Zentralbanken beschäftigen sich wieder stärker mit Inflationsrisiken durch hohe Energiepreise.

Damit verändert sich das Umfeld gleichzeitig in mehreren großen Volkswirtschaften.

Das heißt nicht, dass Aktien deshalb zwangsläufig fallen müssen. Unternehmen können ihre Gewinne steigern, Produktivität verbessern und höhere Finanzierungskosten teilweise ausgleichen.

Für die Bewertung wird aber wieder stärker entscheidend, wie viel Wachstum tatsächlich geliefert wird und welchen Preis Anleger heute dafür bezahlen.

Volkswagen unter Druck

Auch die Gewinnwarnung von Volkswagen passt für mich in dieses Gesamtbild.

Volkswagen erwartet rund 10 Milliarden Euro an Sonderbelastungen und reduzierte seine erwartete operative Marge für 2026 auf höchstens rund 1 Prozent. Zuvor waren 4 bis 5,5 Prozent erwartet worden.

Dahinter stehen unter anderem Probleme bei Porsche, eine schwache Entwicklung in China, stärkerer Wettbewerb und hohe Kosten der Transformation.

Das Beispiel zeigt einen anderen Teil derselben Bewertungslogik.

Eine Aktie kann auf Basis vergangener Gewinne oder klassischer Kennzahlen günstig aussehen. Wenn sich aber Margen, Wettbewerb und zukünftige Cashflows verändern, verändert sich auch die Grundlage dieser Bewertung.

Deshalb schaue ich bei einer Bewertung ungern nur auf eine einzelne Kennzahl. Entscheidend ist, welche Annahmen dahinterstehen und ob diese Annahmen weiterhin realistisch sind.

Und was passiert mit Deinem Depot?

Genau an dieser Stelle wird aus einer Börsennachricht eine Depot-Frage.

Wenn Du mehrere Technologie- und Halbleiter-Aktien besitzt, können diese Unternehmen auf den ersten Blick unterschiedliche Geschäftsmodelle haben. Trotzdem können sie gleichzeitig auf denselben Faktor reagieren: steigende Anleiherenditen.

Besitzt Du zusätzlich Unternehmen mit hohem Energieverbrauch, kommt möglicherweise ein zweiter gemeinsamer Risikofaktor hinzu.

Viele Positionen bedeuten deshalb noch nicht automatisch, dass Dein Depot auf viele unterschiedliche Einflussfaktoren verteilt ist.

Für mich gehört zu einer Depot-Analyse deshalb auch die Frage, welche Positionen auf dieselben wirtschaftlichen Veränderungen reagieren und wie groß ihr gemeinsamer Einfluss auf das Depot geworden ist.

Genau solche Wochen machen diese Zusammenhänge besonders sichtbar.

Für die kommenden Wochen würde ich vor allem beobachten, ob Öl dauerhaft oberhalb von 100 Dollar bleibt, wie sich die Inflationsdaten entwickeln und ob die Renditen amerikanischer Staatsanleihen auf diesem hohen Niveau bleiben.

Bei KI-Unternehmen kommt eine weitere Frage hinzu: Bleiben die Investitionen in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur so stark, dass die hohen Wachstumserwartungen tatsächlich getragen werden?

Wir haben keine Glaskugel und eine einzelne Börsenwoche entscheidet nicht über den langfristigen Trend.

Aber wir können verstehen, welche Faktoren gerade zusammenwirken. Und genau das finde ich momentan besonders wichtig: Öl, Inflation, Zinsen, Anleihen und KI-Aktien sind keine getrennten Geschichten. Sie beeinflussen sich gegenseitig – und genau diese Verbindungen können am Ende auch bestimmen, wie Dein Depot auf die nächste Marktbewegung reagiert.

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