Kapitalmarkt-Analyse - KI-Rally
Bild: KI-generiert

#39 Kapitalmarkt-Analyse – KI-Rally

KI-Rally trotz 5 % US-Rendite

Wie lange kann das gutgehen?

Wenn Du diese Börsenwoche nur über die großen Indizes betrachtest, übersiehst Du einen wichtigen Zusammenhang. Auf der einen Seite war die Begeisterung für künstliche Intelligenz wieder deutlich zu sehen. AMD erreichte erstmals einen Börsenwert von einer Billion US-Dollar, Meta gewann mit seinem neuen KI-Agenten Muse innerhalb kurzer Zeit stark an Wert und der Nasdaq erreichte zu Wochenbeginn sogar ein neues Rekordhoch. Reuters bestätigte sowohl die starke Halbleiter-Rally als auch die außergewöhnlich schnelle Verbreitung von Meta Muse. 

Auf der anderen Seite entwickelt sich im Hintergrund ein Umfeld, das gerade für hoch bewertete Wachstumsaktien schwieriger werden kann.

Genau diesen Widerspruch finde ich in dieser Woche viel interessanter als die einzelnen Kursbewegungen.

Wenn 5 % plötzlich zur Konkurrenz für Aktien werden

Steigende Anleiherenditen wirken zunächst sehr abstrakt. Für Dein Depot können sie aber eine ziemlich konkrete Bedeutung haben.

Eine US-Staatsanleihe und eine Aktie konkurrieren um Kapital. Natürlich haben beide Anlagen unterschiedliche Risiken. Wenn Anleger jedoch für eine vergleichsweise sichere Staatsanleihe wieder mehr als 5 % Rendite bekommen können, verändert sich die Rechnung.

Für eine Aktie müssen Anleger schließlich ein zusätzliches Risiko übernehmen. Je attraktiver sichere Zinsen werden, desto stärker muss eine Aktie mit ihren erwarteten Gewinnen und ihrem Wachstum überzeugen.

Das ist besonders für Unternehmen relevant, deren Bewertung stark davon abhängt, was sie in vielen Jahren verdienen könnten.

Hier kommt ein Fachbegriff ins Spiel: der Diskontierungszins. Damit werden zukünftige Einnahmen auf ihren heutigen Wert zurückgerechnet. Je höher dieser Zinssatz ist, desto weniger sind weit in der Zukunft erwartete Gewinne heute rechnerisch wert.

Genau deshalb können steigende Anleiherenditen Technologie- und Wachstumsaktien besonders belasten. Bereits in der Vorwoche waren zehnjährige US-Renditen über die Marke von 5 % gestiegen, während hohe Energiepreise die Inflationssorgen verstärkten. 

Warum die KI-Rally trotzdem funktioniert

Wenn höhere Zinsen eigentlich Gegenwind bedeuten, warum können AMD, Meta und andere KI-Aktien trotzdem so stark steigen?

Weil sich gleichzeitig die Erwartungen an ihre zukünftigen Gewinne verändern.

Bei Meta sehen wir dafür ein sehr gutes Beispiel. Muse wurde laut Reuters innerhalb der ersten zwölf Tage 2,8 Millionen Mal heruntergeladen. Seit der Einführung war die Aktie bis Dienstag um mehr als 20 % gestiegen. Anleger sehen darin erstmals konkretere Hinweise darauf, dass aus den enormen KI-Investitionen zusätzliche Umsätze entstehen könnten. 

Damit treffen aktuell zwei Kräfte aufeinander.

Höhere Zinsen drücken rechnerisch auf die Bewertung. Höhere Gewinnerwartungen können diese Belastung ausgleichen oder sogar übertreffen.

Genau deshalb würde ich die aktuelle KI-Rally differenzierter betrachten. Ein steigender Aktienkurs allein sagt noch wenig darüber aus, wie stabil die Entwicklung ist. Interessanter ist, welche Erwartungen inzwischen im Kurs enthalten sind und welche Ergebnisse ein Unternehmen später liefern muss, damit diese Erwartungen gerechtfertigt bleiben.

Bei AMD wird das besonders deutlich. Die Aktie erreichte am Montag erstmals eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar, während der gesamte Halbleitersektor kräftig zulegte. Reuters führte die Bewegung unter anderem auf die weiterhin hohen Erwartungen an KI-Ausgaben zurück. 

Je höher solche Erwartungen steigen, desto wichtiger werden allerdings die tatsächlichen Ergebnisse.

Öl über 100 Dollar wirkt viel weiter als bis zum Energiesektor

Der Ölpreis bewegte sich zunächst nach unten, nachdem sich die Versorgungslage etwas entspannte. Allein diese Bewegung half Aktien: Am Montag stieg der STOXX 600 um 1 %, während sinkendes Öl die Inflationssorgen etwas reduzierte. 

Das zeigt sehr schön, warum Öl derzeit so wichtig ist.

Ein Ölpreis über 100 Dollar betrifft längst nicht nur Shell, Exxon oder andere Energieunternehmen. Teurere Energie kann Transport, Produktion und Logistik verteuern. Unternehmen müssen anschließend entscheiden, ob sie diese Kosten selbst tragen oder an ihre Kunden weitergeben können.

Tragen sie die Kosten selbst, können ihre Gewinnmargen sinken. Geben sie sie weiter, kann der Inflationsdruck steigen.

Und dann landen wir wieder bei der Federal Reserve.

Höhere Inflation kann bedeuten, dass die Zinsen länger hoch bleiben oder weiter steigen. Damit führt die Kette vom Nahen Osten über den Ölpreis bis zur Bewertung einer amerikanischen Technologieaktie.

Das ist genau die Art von Zusammenhang, die ich bei einer Marktanalyse wichtiger finde als die Frage, ob ein Index an einem einzelnen Tag ein halbes Prozent gestiegen oder gefallen ist.

Warum fallendes Öl plötzlich so viel Entlastung bringt

Wir konnten die andere Richtung Anfang dieser Woche ebenfalls beobachten.

Als sich die Aussichten für die Ölversorgung verbesserten und Brent zeitweise wieder unter 100 Dollar fiel, stieg gleichzeitig die Risikobereitschaft. Der Nasdaq erreichte am Dienstag ein neues Intraday-Rekordhoch. 

Das heißt natürlich nicht, dass Öl allein den Nasdaq steuert.

Es zeigt aber, wie stark mehrere Faktoren momentan zusammenwirken.

Sinkendes Öl kann den erwarteten Inflationsdruck reduzieren. Weniger Inflationsdruck kann die Angst vor weiteren Zinserhöhungen dämpfen. Und niedrigere erwartete Zinsen können wiederum Wachstumsaktien helfen.

Dreht sich Öl wieder nach oben, kann genau diese Kette in die andere Richtung laufen.

Der Handelsfrieden mit China löst das Risiko noch nicht

Auch das Treffen zwischen den USA und China würde ich deshalb weniger als einzelne politische Nachricht betrachten.

Für die Börse ist entscheidend, was Handelsbeschränkungen für Unternehmen verändern können.

Gerade bei Halbleitern und KI verlaufen Lieferketten über mehrere Länder. Gleichzeitig fließt weiterhin sehr viel Kapital zwischen beiden Volkswirtschaften. Reuters zeigte diese Woche beispielsweise, dass US-Banken 2026 bei chinesischen Hightech-Börsengängen im Wert von 17,2 Milliarden Dollar als Konsortialbanken beteiligt waren, während chinesisches Kapital weiterhin stark in amerikanische Technologieunternehmen fließt. 

Eine Verlängerung des Handelsfriedens reduziert deshalb zunächst ein Risiko. Die strukturellen Konflikte bei Technologie, KI, Lieferketten und Taiwan bleiben aber bestehen. Bereits vor dem Treffen hatten Beobachter entsprechend eher mit einer Stabilisierung als mit einer grundlegenden Lösung gerechnet. 

Für Unternehmen bedeutet das: Planungssicherheit kann kurzfristig steigen, aber politische Risiken verschwinden dadurch nicht.

Auch Staatsverschuldung wird wieder zum Börsenthema

Frankreich wirkt auf den ersten Blick wie ein separates Thema. Tatsächlich gehört es zum selben Gesamtbild.

Wenn Anleger Zweifel an der finanziellen Entwicklung eines Staates bekommen, verlangen sie für dessen Anleihen eine höhere Rendite. Der Abstand zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen hatte bereits zu Wochenbeginn deutlich zugenommen; Reuters berichtete gleichzeitig von steigenden Kosten für die Absicherung französischer Staatsschulden. 

Steigende Staatsanleiherenditen wirken anschließend wieder in die Wirtschaft hinein. Kredite können teurer werden, Finanzierungskosten steigen und auch die Bewertung anderer Anlageklassen verändert sich.

Damit verbindet sich das französische Thema mit derselben Frage, die wir gerade in den USA sehen: Wie viel Rendite verlangen Anleger inzwischen dafür, Kapital langfristig zur Verfügung zu stellen?

Was ich für das eigene Depot daraus mitnehmen würde

Diese Woche zeigt sehr gut, warum die Anzahl der Aktien allein wenig darüber aussagt, wie breit ein Depot tatsächlich aufgestellt ist.

Du kannst AMD, Nvidia, Broadcom und weitere Technologieunternehmen besitzen und auf den ersten Blick mehrere unterschiedliche Unternehmen im Depot sehen. Trotzdem können mehrere dieser Positionen gleichzeitig auf steigende Zinsen, KI-Investitionen, Halbleiter-Nachfrage oder neue Handelsbeschränkungen reagieren.

Genau deshalb würde ich bei einem Depot zusätzlich prüfen, welche gemeinsamen Einflussfaktoren hinter den einzelnen Positionen stehen. Zwei Unternehmen können unterschiedlich aussehen und an der Börse trotzdem ähnlich reagieren. 

Das gilt auch außerhalb von Technologie. Ein dauerhaft hoher Ölpreis kann beispielsweise Fluggesellschaften, Industrieunternehmen und Konsumwerte gleichzeitig belasten, während Energieunternehmen davon teilweise profitieren können.

Für die Depot-Struktur ist deshalb interessant, wie sich verschiedene Risiken tatsächlich verteilen und welche Positionen auf denselben wirtschaftlichen Auslöser reagieren. Genau diese systemische Betrachtung gehört bei Finanzthemen zur InvestingNavi-Logik. 

Worauf Du jetzt achten kannst

Für die kommenden Wochen würde ich drei Entwicklungen gemeinsam beobachten: den Ölpreis, die US-Anleiherenditen und die tatsächlichen Geschäftszahlen der großen KI-Unternehmen.

Sinkt Öl nachhaltig, kann das den Inflationsdruck reduzieren und den Notenbanken mehr Spielraum geben. Bleiben die US-Renditen dagegen über 5 % oder steigen weiter, müssen hoch bewertete Unternehmen stärker mit ihren Ergebnissen überzeugen.

Bei KI wird gleichzeitig immer wichtiger, ob aus hohen Investitionen tatsächlich Umsätze, Cashflows und Gewinne entstehen. Genau dort dürfte sich mit der Zeit stärker unterscheiden, welche Unternehmen von der KI-Entwicklung wirtschaftlich profitieren und bei welchen vor allem hohe Erwartungen im Kurs stecken.

Wir haben keine Glaskugel und aus einer Woche lässt sich kein sicherer weiterer Marktverlauf ableiten. Die aktuellen Daten zeigen aber sehr deutlich, welche Zusammenhänge Du im Blick behalten kannst: Öl beeinflusst Inflation, Inflation beeinflusst Zinsen, Zinsen beeinflussen Bewertungen – und gleichzeitig können steigende Gewinnerwartungen diese Belastung teilweise überlagern.

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