Kapitalmarkt-Analyse - Fed-Zinspause
Bild: KI-generiert

#44 Kapitalmarkt-Analyse – Fed-Zinspause

Fed-Zinspause, Öl bei 113 Dollar

Warum Aktien trotzdem unter Druck geraten.

Die amerikanische Notenbank hat ihre Zinsen unverändert gelassen. Auch die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins nicht verändert. Eigentlich könnte man erwarten, dass die Finanzmärkte darauf positiv reagieren, weil Unternehmen zumindest keine weitere unmittelbare Zinserhöhung verkraften müssen.

Trotzdem verlor der Nasdaq am Freitag 2,9 % und der S&P 500 gab um 1,8 % nach. Gleichzeitig stieg der Ölpreis wieder deutlich an und die Sorgen um die Finanzierung großer KI-Investitionen nahmen zu.

Wenn Du Dir diese Entwicklungen gemeinsam anschaust, wird deutlich, warum eine Zinspause allein noch keine Entlastung für Unternehmen bedeutet. Denn die Kosten eines Unternehmens hängen von weit mehr ab als vom aktuellen Leitzins.

Besonders interessant finde ich in dieser Woche drei Zusammenhänge: Wie sich Inflation auf die tatsächliche Kaufkraft auswirkt, warum Unternehmen trotz unveränderter Zinsen höhere Finanzierungskosten haben können und weshalb hohe Investitionen selbst bei stark wachsenden Unternehmen zum Risiko werden können.

Warum die US-Wirtschaft stärker aussieht, als der Konsum vermuten lässt

Die amerikanische Wirtschaft ist im dritten Quartal annualisiert um 3,4 % gewachsen. Das entspricht einem tatsächlichen Wachstum von ungefähr 0,8 % gegenüber dem Vorquartal.

Auf den ersten Blick ist das eine gute Nachricht. Die Wirtschaft wächst, Unternehmen investieren und die Verbraucher geben weiterhin Geld aus.

Die jüngsten Konsumdaten zeigen allerdings ein differenzierteres Bild.

Im September stiegen die amerikanischen Konsumausgaben um 0,5 %. Wenn wir die Preissteigerungen herausrechnen, bleibt davon weniger als 0,1 % übrig. Gleichzeitig sank das real verfügbare Einkommen um 0,3 %.

Das bedeutet, dass Verbraucher insgesamt mehr Geld ausgegeben haben, ohne wesentlich mehr Waren und Dienstleistungen zu konsumieren.

Für die Unternehmensanalyse ist dieser Unterschied entscheidend.

Stell Dir einen Einzelhändler vor, der im vergangenen Jahr 100 Produkte für jeweils 10 Dollar verkauft hat. Sein Umsatz betrug damit 1.000 Dollar.

In diesem Jahr verkauft er weiterhin 100 Produkte, verlangt dafür aber 10,50 Dollar. Sein Umsatz steigt auf 1.050 Dollar, obwohl die verkaufte Menge unverändert bleibt.

Wenn gleichzeitig seine Einkaufs-, Personal- und Transportkosten steigen, kann der höhere Umsatz sogar mit einem niedrigeren Gewinn verbunden sein.

Genau deshalb würde ich bei Unternehmen aus dem Konsumsektor genauer prüfen, ob das Wachstum aus höheren Preisen oder tatsächlich steigenden Absatzmengen entsteht.

Hinzu kommt die Kaufkraft. Wenn Haushalte einen größeren Teil ihres Einkommens für Energie, Lebensmittel und andere notwendige Ausgaben verwenden müssen, können sie andere Käufe verschieben.

Das kann Unternehmen treffen, deren Produkte oder Dienstleistungen für Verbraucher weniger dringend sind.

Öl über 113 Dollar: Welche Unternehmen tragen die Kosten?

Der Brent-Ölpreis lag am Freitag für den Januar-Terminkontrakt bei 113,43 Dollar je Barrel. Die erneuten Sorgen um die Energieversorgung im Nahen Osten haben dazu beigetragen, dass Öl wieder deutlich teurer geworden ist.

Für die Wirtschaft ist das relevant, weil Energiepreise weit über den eigentlichen Energiesektor hinauswirken.

Ein Logistikunternehmen benötigt Kraftstoff für seine Fahrzeuge. Ein Chemieunternehmen verwendet energieabhängige Rohstoffe. Ein Hersteller von Konsumgütern muss höhere Produktions- und Transportkosten berücksichtigen.

Ob diese Unternehmen ihre Gewinne halten können, hängt wesentlich davon ab, wie gut sie steigende Kosten an ihre Kunden weitergeben können.

Ein einfaches Beispiel: Ein Unternehmen erzielt 100 Euro Umsatz und hat operative Kosten von 90 Euro. Damit bleiben 10 Euro operativer Gewinn.

Steigen die Kosten auf 92 Euro, während der Umsatz unverändert bleibt, sinkt der Gewinn auf 8 Euro.

Das entspricht einem Gewinnrückgang von 20 %, obwohl die Kosten nur um rund 2,2 % gestiegen sind.

Bei Unternehmen mit niedrigen Gewinnmargen können deshalb bereits kleinere Kostenveränderungen erhebliche Auswirkungen haben.

Allerdings reagieren nicht alle Unternehmen gleich. Manche sichern ihre Energiekosten langfristig ab, andere haben Verträge, die eine Weitergabe höherer Kosten ermöglichen.

Und bei Energieproduzenten können steigende Ölpreise sogar zu höheren Einnahmen führen, sofern die eigenen Kosten nicht im gleichen Umfang steigen.

Für Dein Depot ist deshalb interessant, welche Unternehmen von hohen Energiepreisen profitieren könnten und bei welchen die Gewinne dadurch stärker belastet werden.

Warum eine Zinspause keine günstigeren Kredite garantiert

Die Federal Reserve beließ ihren Leitzinskorridor am Mittwoch bei 3,75 bis 4,00 %. Die EZB hielt ihren Einlagenzins am Donnerstag bei 2,50 %.

Trotzdem erklärte die EZB, dass sich die Finanzierungsbedingungen seit ihrer vorherigen Sitzung verschärft haben.

Wie passt das zusammen?

Ein Leitzins ist zunächst der Zinssatz, mit dem eine Zentralbank die kurzfristigen Finanzierungsbedingungen beeinflusst. Unternehmen finanzieren sich jedoch häufig über Bankkredite oder Unternehmensanleihen.

Deren Konditionen hängen zusätzlich von der Laufzeit, dem allgemeinen Zinsniveau und dem Risiko des jeweiligen Unternehmens ab.

Wenn ein Unternehmen vor einigen Jahren einen Kredit zu 2 % aufgenommen hat und diesen heute zu 6 % refinanzieren muss, steigen seine Zinskosten deutlich. Daran ändert eine aktuelle Zinspause zunächst nichts.

Bei einem Kreditvolumen von 500 Millionen Euro würde der Unterschied zwischen 2 % und 6 % jährlich zusätzliche Zinskosten von 20 Millionen Euro bedeuten.

Dieses Geld fehlt anschließend möglicherweise für Investitionen, Schuldentilgung oder Ausschüttungen.

Deshalb würde ich bei Unternehmen mit hohen Schulden prüfen, wann ihre Kredite fällig werden, welcher Anteil fest oder variabel verzinst ist und wie viel Geld das Unternehmen aus seinem laufenden Geschäft erwirtschaftet.

Besonders bei kapitalintensiven Geschäftsmodellen kann das einen erheblichen Unterschied machen.

Warum Aktien trotz sinkender Anleiherenditen fallen können

Am Freitag sank die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 4,93 %. Gleichzeitig verloren die amerikanischen Aktienmärkte deutlich.

Das wirkt zunächst widersprüchlich, denn sinkende Anleiherenditen können Aktienbewertungen grundsätzlich unterstützen.

Allerdings kommt es darauf an, warum die Renditen fallen.

Wenn Anleger mit sinkenden Zinsen rechnen, weil die Inflation zurückgeht und die Wirtschaft stabil bleibt, kann das für Aktien positiv sein.

Sinken die Renditen dagegen, weil Anleger zunehmend wirtschaftliche Risiken sehen und verstärkt Staatsanleihen kaufen, kann die Entwicklung ganz anders aussehen.

In diesem Fall sind niedrigere Renditen möglicherweise Ausdruck größerer Unsicherheit.

Zusätzlich können Unternehmen weiterhin hohe Risikoaufschläge für ihre Finanzierung bezahlen. Ein niedrigerer Staatsanleihezins führt deshalb nicht automatisch zu günstigeren Unternehmenskrediten.

Genau hier zeigt sich, warum einzelne Marktkennzahlen immer im Zusammenhang betrachtet werden sollten.

Amazon zeigt die andere Seite des KI-Wachstums

Besonders interessant waren in dieser Woche auch die Quartalszahlen von Amazon.

Der Umsatz der Cloud-Sparte AWS stieg im dritten Quartal um rund 39 % auf 46 Milliarden Dollar. Gleichzeitig erzielte der gesamte Konzern einen operativen Gewinn von 28,1 Milliarden Dollar.

Das sind starke operative Ergebnisse.

Trotzdem lag der freie Cashflow über die vergangenen zwölf Monate bei minus 42,4 Milliarden Dollar.

Der freie Cashflow zeigt vereinfacht, wie viel Geld nach den laufenden Zahlungsströmen aus dem Geschäft und den Investitionen übrig bleibt.

Amazon investiert derzeit erhebliche Summen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Diese Investitionen verursachen heute hohe Auszahlungen, während ein Teil der erwarteten Einnahmen erst in den kommenden Jahren entstehen soll.

Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Investitionen schlecht sind. Wenn die zusätzliche Infrastruktur später ausreichend Umsätze und Gewinne erzeugt, können sich die Ausgaben wirtschaftlich lohnen.

Die Unsicherheit liegt vor allem im zeitlichen Abstand zwischen Investition und Ertrag.

Ein Unternehmen muss die Finanzierung heute sicherstellen, obwohl sich erst später zeigt, wie profitabel die neuen Kapazitäten tatsächlich werden.

Gerade bei hohen Zinsen wird dieser Zusammenhang wichtiger.

Wenn Du KI-Aktien analysierst, würde ich deshalb neben Umsatzwachstum und Gewinn auch die Investitionsausgaben, den freien Cashflow und den zukünftigen Kapitalbedarf betrachten.

Denn zwei Unternehmen können vom gleichen KI-Trend profitieren und trotzdem völlig unterschiedliche finanzielle Risiken tragen.

Japan verändert seine Rolle am Kapitalmarkt

Auch die Bank of Japan lieferte in dieser Woche eine interessante Entwicklung.

Sie ließ ihren kurzfristigen Zinssatz bei rund 1,25 % und kündigte gleichzeitig an, ihre ETF-Bestände ab Januar 2027 schneller abzubauen.

Das geplante jährliche Verkaufstempo soll von etwa 330 Milliarden auf 860 Milliarden Yen zu Buchwerten steigen.

Diese Entscheidung zeigt, dass Zentralbanken die Finanzmärkte auch dann beeinflussen können, wenn sie ihren Leitzins unverändert lassen.

Wenn eine Zentralbank ihre Wertpapierbestände reduziert, müssen andere Marktteilnehmer diese Anlagen aufnehmen. Wie stark sich das auf Kurse auswirkt, hängt unter anderem von der Nachfrage und dem tatsächlichen Verkaufsvolumen ab.

Für internationale Anleger kommt außerdem der Wechselkurs hinzu.

Wenn beispielsweise Investitionen in anderen Ländern über günstige Yen-Kredite finanziert wurden, kann eine Aufwertung des Yen die Rückzahlung verteuern.

Unter bestimmten Bedingungen können dadurch zusätzliche Verkäufe anderer Anlagen entstehen.

Das bedeutet nicht, dass eine solche Entwicklung unmittelbar bevorsteht. Es zeigt aber, wie eng Zinsen, Währungen und internationale Kapitalströme miteinander verbunden sind.

Kurz zusammengefasst

Wenn Du mehrere Aktien und ETFs besitzt, hast Du wahrscheinlich Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und Regionen im Depot.

Das ist grundsätzlich eine Möglichkeit, Risiken zu verteilen. Entscheidend ist allerdings, wie diese Unternehmen auf dieselben wirtschaftlichen Veränderungen reagieren.

Ein weltweiter Aktien-ETF kann beispielsweise große Technologieunternehmen enthalten. Wenn Du zusätzlich einzelne Cloud- und Halbleiteraktien kaufst, erhöhst Du möglicherweise Deine Abhängigkeit von denselben KI-Investitionen.

Gleichzeitig können Industrie-, Transport- und Konsumunternehmen von hohen Energiepreisen betroffen sein, obwohl sie unterschiedlichen Branchen angehören.

Auch bei Anleihen gibt es Unterschiede. Sinkende Marktzinsen können bestehende Anleihen mit längerer Laufzeit im Kurs unterstützen. Steigende Risikoaufschläge können Unternehmensanleihen dagegen belasten.

Deshalb würde ich bei einer Depot-Analyse besonders darauf achten, welche Positionen von denselben wirtschaftlichen Voraussetzungen abhängig sind.

Wie hoch ist der tatsächliche Anteil der KI-Unternehmen, einschließlich der Positionen innerhalb Deiner ETFs? Welche Unternehmen benötigen in den kommenden Jahren besonders viel Kapital? Und welche reagieren empfindlich auf dauerhaft hohe Energiepreise?

Mit einer Korrelations- und Risikoanalyse kannst Du zusätzlich prüfen, welche Positionen sich historisch ähnlich bewegt haben und wie stark bestimmte Risiken in Deinem Depot konzentriert sind.

Worauf ich in den kommenden Wochen achten würde

Die aktuellen Entwicklungen lassen mehrere Szenarien zu.

Wenn die Energiepreise wieder sinken, die Kaufkraft stabil bleibt und die großen Technologieunternehmen mit ihren Investitionen zunehmend positive Cashflows erwirtschaften, könnte sich das Umfeld für Unternehmensgewinne verbessern.

Bleiben Energiepreise und Finanzierungskosten dagegen hoch, während Verbraucher ihre Ausgaben reduzieren, könnten selbst Unternehmen mit steigenden Umsätzen stärker unter Druck geraten.

Besonders bei KI-Unternehmen wird sich zeigen müssen, wie schnell die hohen Investitionen in zusätzliche Einnahmen und freie Cashflows übergehen.

Für Deine eigene Aktienanalyse würde ich deshalb die bisherigen Annahmen über Umsatzwachstum, Gewinnmargen und Finanzierung regelmäßig mit den tatsächlichen Ergebnissen vergleichen.

Und für das gesamte Depot gehört für mich noch eine weitere Ebene dazu: Wie stark hängen Deine Positionen von denselben Entwicklungen ab?

Denn eine Aktie kann einzeln betrachtet weiterhin attraktiv erscheinen und gleichzeitig ein Risiko verstärken, das in Deinem Depot bereits vorhanden ist.

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