US-Erzeugerpreise steigen um 6,3 %
Wie höhere Energiepreise und teure Kredite auf Gewinne wirken und wo sich diese Risiken in Deinem Depot überschneiden.
Die US-Erzeugerpreise sind im September um 6,3 % gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Gleichzeitig kostete Brent-Öl zum Wochenschluss 109,86 US-Dollar je Barrel. Der Nasdaq Composite verlor innerhalb einer Woche 4,5 %.
Wenn Du diese Nachrichten liest und anschließend Dein Depot öffnest, siehst Du zunächst die Kursbewegungen Deiner Aktien. Interessanter ist allerdings, was sich durch diese wirtschaftlichen Entwicklungen bei den Unternehmen selbst verändern könnte.
Ein Unternehmen kann weiterhin steigende Umsätze melden und trotzdem weniger verdienen. Ein anderes kann von höheren Verkaufspreisen profitieren. Und ein drittes bekommt Schwierigkeiten, weil es seine nächsten Investitionen deutlich teurer finanzieren muss.
Genau diese Unterschiede werden in einem Umfeld mit hoher Inflation, teurer Energie und angespannten Finanzierungsmärkten immer wichtiger.
Höhere Preise verändern die Gewinne
Die US-Erzeugerpreise stiegen im September gegenüber August um 1,3 % und lagen 6,3 % über dem Vorjahresniveau. Der Erzeugerpreisindex zeigt, wie sich die Verkaufspreise von Unternehmen auf der Produzentenseite entwickeln.
Für die Aktienanalyse ist entscheidend, wie sich höhere Kosten und Verkaufspreise auf die Gewinne einzelner Unternehmen auswirken.
Nehmen wir ein Unternehmen, das mit 100 Euro Umsatz einen operativen Gewinn von 10 Euro erzielt. Die operativen Kosten betragen entsprechend 90 Euro.
Steigen die Kosten auf 92 Euro, während der Umsatz unverändert bleibt, reduziert sich der operative Gewinn auf 8 Euro. Obwohl die Kosten nur um rund 2,2 % gestiegen sind, fällt der Gewinn um 20 %.
Das Beispiel zeigt, warum schon vergleichsweise kleine Kostensteigerungen große Auswirkungen auf die Profitabilität haben können.
Besonders interessant ist deshalb die sogenannte Preissetzungsmacht. Damit ist gemeint, wie gut ein Unternehmen höhere Kosten durch höhere Verkaufspreise an seine Kunden weitergeben kann.
Ein Unternehmen mit einer starken Marktposition, hoher Nachfrage und wenigen direkten Alternativen hat hier häufig mehr Spielraum als ein Anbieter, dessen Kunden problemlos zu günstigeren Wettbewerbern wechseln können.
Allerdings gibt es auch Grenzen. Selbst starke Marken können ihre Preise nicht unbegrenzt erhöhen, wenn die Kaufkraft ihrer Kunden unter Druck gerät.
Wenn Du Geschäftsberichte analysierst, lohnt sich deshalb ein gemeinsamer Blick auf Umsatzwachstum, operative Kosten und Gewinnmarge. Die Marge zeigt Dir, welcher Anteil des Umsatzes nach den jeweiligen Kosten übrig bleibt.
Steigt der Umsatz, während die Marge sinkt, kann das ein Hinweis darauf sein, dass das Unternehmen einen zunehmenden Teil seines Wachstums durch höhere Kosten wieder verliert.
Öl beeinflusst ganze Lieferketten
Brent-Öl lag zum Wochenschluss bei 109,86 US-Dollar je Barrel. Für viele Unternehmen bedeutet ein solcher Ölpreis höhere Ausgaben, auch wenn sie selbst überhaupt kein Öl verkaufen oder unmittelbar verbrauchen.
Denn Energie steckt in zahlreichen Produktions- und Lieferprozessen.
Ein Industrieunternehmen benötigt Energie für seine Maschinen. Ein Logistikunternehmen verbraucht Kraftstoff für den Transport. Hersteller von Verpackungen und Kunststoffen sind teilweise von petrochemischen Rohstoffen abhängig.
Steigen diese Kosten, können sie sich entlang der Lieferkette auf weitere Unternehmen übertragen.
Interessant ist dabei, dass derselbe Ölpreisanstieg zwei Unternehmen aus derselben Branche unterschiedlich treffen kann.
Ein Unternehmen hat möglicherweise langfristige Lieferverträge abgeschlossen und sich einen Teil seiner Energiekosten abgesichert. Ein anderes kauft Energie zu aktuellen Marktpreisen ein und spürt Veränderungen entsprechend schneller.
Auch die Kundenstruktur spielt eine Rolle.
Ein Hersteller, der überwiegend an Unternehmen mit langfristigen Verträgen verkauft, kann Preissteigerungen möglicherweise erst verzögert weitergeben. Ein anderer Anbieter kann seine Preise kurzfristiger anpassen.
Zusätzlich beeinflussen hohe Energiepreise die Nachfrage. Wenn private Haushalte mehr Geld für Heizung, Kraftstoff und andere notwendige Ausgaben benötigen, bleibt unter Umständen weniger für Reisen, Freizeit oder Konsumgüter übrig.
Ein Unternehmen kann dadurch gleichzeitig höhere Kosten und eine schwächere Nachfrage erleben.
Genau deshalb würde ich bei einem energieabhängigen Unternehmen prüfen, welchen Anteil Energie an den Gesamtkosten hat, wie langfristig die Lieferverträge gestaltet sind und wie empfindlich die Kunden auf Preissteigerungen reagieren.
Inflation und Finanzierungskosten
Die Verbraucherpreise in den USA lagen im September 3,7 % über dem Vorjahr. Ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel betrug die Inflation 2,6 %.
In Deutschland lag die Inflationsrate bei 3,3 %, die Kerninflation bei 2,4 %.
Diese Zahlen sind für die Geldpolitik relevant, weil Zentralbanken versuchen, die Inflation mittelfristig in der Nähe ihres jeweiligen Ziels zu halten.
Wenn die Inflation länger erhöht bleibt, können Zinssenkungen schwieriger werden. Gleichzeitig steigt die Unsicherheit darüber, wie sich die Finanzierungskosten in den kommenden Monaten entwickeln.
Für Unternehmen kann das erhebliche Konsequenzen haben.
Stell Dir zwei Unternehmen vor, die jeweils eine Milliarde Euro Schulden haben.
Das erste Unternehmen hat seine Finanzierung langfristig zu festen Zinsen abgeschlossen. Das zweite muss innerhalb der nächsten zwölf Monate einen großen Teil seiner Schulden refinanzieren, also durch neue Kredite oder Anleihen ersetzen.
Obwohl beide Unternehmen die gleiche Schuldenhöhe haben, kann ihre Belastung durch steigende Zinsen sehr unterschiedlich ausfallen.
Das erste Unternehmen ist zunächst weitgehend geschützt. Das zweite muss möglicherweise deutlich höhere Zinsen bezahlen.
Wenn die jährlichen Zinskosten bei einer Milliarde Euro Schulden von 4 % auf 7 % steigen, bedeutet das zusätzliche Ausgaben von 30 Millionen Euro pro Jahr.
Dieses Geld steht anschließend nicht mehr für Investitionen, Schuldentilgung oder Ausschüttungen zur Verfügung.
Deshalb lohnt sich bei Unternehmen mit hohen Schulden ein genauer Blick auf die Fälligkeiten, die durchschnittlichen Finanzierungskosten und die Fähigkeit, aus dem laufenden Geschäft ausreichend Geld zu erwirtschaften.
Warum Staatsanleiherenditen täuschen können
Zum Ende der Woche sank die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 5,1 %.
Auf den ersten Blick könnte man daraus schließen, dass sich die Finanzierungssituation etwas entspannt.
Für Unternehmen muss das allerdings nicht gelten.
Eine Staatsanleiherendite dient häufig als Ausgangspunkt für die Bewertung anderer Anleihen. Unternehmen müssen darüber hinaus einen zusätzlichen Zinsaufschlag bezahlen, der ihr eigenes Ausfallrisiko widerspiegelt.
Diesen Aufschlag bezeichnet man als Kreditrisikoprämie oder Credit Spread.
Je stärker Anleger daran zweifeln, dass ein Unternehmen seine Schulden problemlos zurückzahlen kann, desto höher kann dieser Aufschlag ausfallen.
Ein Beispiel aus dieser Woche ist CoreWeave. Die Rendite einer ungesicherten Dollaranleihe des Unternehmens mit Fälligkeit 2031 stieg am Sekundärmarkt zeitweise auf über 16 %.
Das bedeutet nicht, dass CoreWeave sämtliche neuen Kredite automatisch zu diesem Zinssatz aufnehmen müsste. Die Anleiherendite zeigt aber, welchen Ertrag Anleger zu diesem Zeitpunkt für das Risiko dieser konkreten Anleihe verlangten.
Und genau darin liegt ein wichtiger Unterschied.
Selbst wenn Staatsanleiherenditen sinken, können sich die Finanzierungsmöglichkeiten eines Unternehmens verschlechtern, wenn Anleger dessen Geschäftsmodell, Verschuldung oder zukünftige Zahlungsfähigkeit kritischer beurteilen.
Besonders relevant ist das für Unternehmen, die hohe Investitionen tätigen müssen, bevor diese Investitionen ausreichend Einnahmen erzeugen.
KI-Wachstum und die Frage nach dem Cashflow
Der Nasdaq Composite verlor in dieser Woche 4,5 %. Zu den Belastungsfaktoren gehörten auch Sorgen über die Finanzierung des KI-Ausbaus.
Das ist interessant, weil die Nachfrage nach künstlicher Intelligenz gleichzeitig weiterhin stark sein kann.
Hier müssen wir zwischen den verschiedenen Geschäftsmodellen unterscheiden.
Ein Unternehmen entwickelt und produziert Halbleiter, die bereits heute verkauft werden. Ein anderes baut Rechenzentren und benötigt dafür enorme Investitionen. Wieder ein anderes entwickelt KI-Anwendungen und muss erst zeigen, wie daraus dauerhaft profitable Umsätze entstehen.
Alle drei Unternehmen können vom Wachstum der KI profitieren. Ihre finanziellen Voraussetzungen sind jedoch sehr unterschiedlich.
TSMC lieferte dafür in dieser Woche ein konkretes Beispiel.
Der Halbleiterhersteller meldete für das dritte Quartal einen Umsatz von 46,72 Milliarden US-Dollar und eine Bruttomarge von 66,4 %. Für das vierte Quartal erwartet das Unternehmen einen Umsatz zwischen 52,3 und 54,3 Milliarden US-Dollar.
Die Bruttomarge zeigt, welcher Anteil des Umsatzes nach Abzug der unmittelbar mit der Herstellung verbundenen Kosten übrig bleibt. Daraus müssen unter anderem noch weitere betriebliche Ausgaben gedeckt werden.
Eine hohe Bruttomarge allein garantiert deshalb keinen hohen freien Cashflow. Sie kann aber zeigen, dass ein Unternehmen bei seinen Produkten eine starke wirtschaftliche Position hat.
Bei kapitalintensiven KI-Unternehmen ist zusätzlich der freie Cashflow interessant. Er zeigt vereinfacht, wie viel Geld nach den laufenden Zahlungsströmen aus dem Geschäft und den notwendigen Investitionen übrig bleibt.
Wenn ein Unternehmen Milliarden in Rechenzentren investiert, können die zukünftigen Umsatzchancen sehr attraktiv erscheinen. Gleichzeitig muss es diese Investitionen finanzieren, lange bevor sämtliche erwarteten Erträge tatsächlich entstehen.
Gerade bei hohen Zinsen wird dieser zeitliche Unterschied wichtig.
Deshalb würde ich bei KI-Aktien genauer betrachten, wie sich Umsatz, Gewinn, Investitionen und freier Cashflow gemeinsam entwickeln.
China zeigt eine weitere Belastung
Auch die chinesischen Erzeugerpreise liefern interessante Hinweise auf die Kostenentwicklung.
Im September stiegen die industriellen Verkaufspreise um 5,0 % gegenüber dem Vorjahr. Die Einkaufspreise der Industrie erhöhten sich dagegen um 6,9 %. Bei Brennstoffen und Energie lag der Anstieg sogar bei 13,6 %.
Diese Zahlen bedeuten nicht automatisch, dass die Gewinnmargen aller chinesischen Industrieunternehmen sinken. Dafür unterscheiden sich Produkte, Kostenstrukturen und Vertragsbedingungen zu stark.
Sie zeigen allerdings, dass die Beschaffungskosten in bestimmten Bereichen schneller gestiegen sind als die Verkaufspreise.
Für international tätige Unternehmen kann die Situation noch komplexer werden.
Ein Konzern produziert möglicherweise in China, kauft Rohstoffe auf internationalen Märkten ein und verkauft seine Produkte überwiegend in Europa oder den USA.
Damit beeinflussen gleichzeitig Rohstoffpreise, Wechselkurse, Transportkosten und die Nachfrage in verschiedenen Regionen seine Gewinne.
Bei solchen Unternehmen würde ich deshalb zusätzlich prüfen, wo die wichtigsten Produktionsstandorte liegen, in welchen Währungen Kosten entstehen und aus welchen Märkten die Umsätze kommen.
Was bedeutet das Ganze für Dein Depot?
Bis hierhin haben wir unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen betrachtet. Für Dein Depot entsteht daraus eine weitere Frage: Wie viele Deiner Positionen reagieren auf dieselben Veränderungen?
Nehmen wir an, Du besitzt Aktien eines Industrieunternehmens, eines Logistikunternehmens und eines Konsumgüterherstellers.
Auf den ersten Blick investierst Du damit in drei unterschiedliche Branchen.
Steigen die Energiepreise dauerhaft, können aber alle drei Unternehmen unter Druck geraten. Das Industrieunternehmen durch höhere Produktionskosten, der Logistiker durch teureren Kraftstoff und der Konsumgüterhersteller möglicherweise zusätzlich durch eine schwächere Nachfrage.
Du hast damit unterschiedliche Aktien, aber teilweise dasselbe wirtschaftliche Risiko.
Ein ähnlicher Zusammenhang kann bei Technologieunternehmen entstehen.
Mehrere KI-Aktien können von unterschiedlichen Geschäftsmodellen profitieren. Gleichzeitig können sie empfindlich auf höhere Finanzierungskosten, veränderte Investitionspläne großer Technologiekonzerne oder eine schwächere Nachfrage nach Rechenleistung reagieren.
Und wenn Du zusätzlich einen ETF besitzt, der viele dieser Unternehmen enthält, kann sich die tatsächliche Gewichtung bestimmter Risiken weiter erhöhen.
Für eine systematische Depot-Analyse würde ich deshalb drei Ebenen gemeinsam betrachten:
- Unternehmen: Welche Kosten, Gewinne und Finanzierungsmöglichkeiten verändern sich?
- Gewichtung: Welche Positionen haben den größten Einfluss auf Dein Gesamtdepot?
- Zusammenhänge: Welche Aktien könnten bei bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungen gleichzeitig unter Druck geraten?
Bei der letzten Ebene hilft die Korrelationsanalyse. Sie untersucht anhand historischer Daten, wie ähnlich sich verschiedene Anlagen bewegen. Ergänzend können Szenario-Analysen zeigen, wie sich bestimmte Marktveränderungen auf die Depot-Struktur auswirken könnten.
Historische Zusammenhänge sind dabei keine Garantie für die Zukunft. Sie geben Dir aber eine zusätzliche Grundlage, um gemeinsame Risiken zu erkennen.
Genau diese Zusammenhänge kannst Du mit InvestingNavi datenbasiert prüfen und Deine Depot-Struktur besser verstehen.
Welche Annahmen verändern sich?
Die aktuellen Nachrichten liefern wichtige Informationen über Kosten, Inflation und Finanzierung. Daraus lässt sich allerdings noch keine sichere Prognose für die kommenden Wochen ableiten.
Es ist möglich, dass sich die Energiepreise wieder entspannen und Unternehmen einen Teil des Kostendrucks abbauen können. Ebenso ist denkbar, dass hohe Preise länger bestehen bleiben und gleichzeitig die Nachfrage nachlässt.
Für Unternehmen können diese beiden Entwicklungen sehr unterschiedliche Ergebnisse bedeuten.
Wenn Du bereits eine Aktie im Depot hast, kennst Du wahrscheinlich Deine ursprünglichen Gründe für den Kauf. Vielleicht waren es die Marktposition, das erwartete Wachstum, eine attraktive Bewertung oder die langfristige Ertragskraft.
Gerade in einer solchen Marktphase lohnt es sich, diese Annahmen erneut mit den aktuellen Unternehmenszahlen zu vergleichen.
Hat sich die Gewinnentwicklung verändert? Sind neue Finanzierungskosten entstanden? Und wie viel Einfluss hat die Position inzwischen auf Dein gesamtes Depot?
Nicht jede Veränderung erfordert automatisch einen Kauf oder Verkauf. Auch eine bestehende Position bewusst unverändert zu lassen, kann eine nachvollziehbare Entscheidung sein, wenn die ursprünglichen Annahmen und Deine Risikogrenzen weiterhin passen.
Für mich gehört genau das zu einer guten Kapitalmarktanalyse: wirtschaftliche Entwicklungen verstehen, ihre möglichen Auswirkungen auf Unternehmen einordnen und anschließend prüfen, was davon für das eigene Depot relevant ist.



